Das Malen in der Oberstufe
Wenn der junge Mensch mit 1 ½ - 1 ¾ Jahre beginnt zu zeichnen, legt er keinen Wert auf Farbigkeit, es ist die nachahmende Tätigkeit. Ein Helles wird verdunkelt, verdichtet, aufgebaut, farbig gestaltet, durchatmet, durchpulst, durchkraftet! So entstehen die Kinderbilder als ein Ausdruck der eigenen körperlichen und organischen Entwicklung. Erst mit dem 5. Lebensjahr beginnt das Kind noch vor der Schulzeit aus der Vorstellung seine / die „Umwelt“ zu zeichnen.
In der 9. – 12. Klasse ist die Abfolge der Aufgaben vergleichbar: vom Hell-Dunkel-Raum über die Pflanzen und Naturstimmungen zur Landschaft und Architektur. Zum Abschluss erscheint der Mensch im Bilde!
Ein genialer Griff Rudolf Steiners - wie auch in der Klassenlehrerzeit wöchentlich Aquarelle zu malen.
Das engagierte Tätigsein im künstlerischen Sinne setzt in den einzelnen Klassen von der 9. – 12. viel voraus: Das Skizzieren und das Zeichnen mit der Schraffur im Hell-Dunkel-Zeichnen der 9. Klasse bildet den Anfang.
Aus der Blattfläche wird durch Licht- und Schattenwirkung ein Bildraum gestaltet. Die verschie densten Objekte dienen als Motiv, aber auch die Umgebung im Freien. Z. B. Fluss- und Bachufer, Alleen, allein stehende Bäume und Blumen an Wegen.
Auch aus der Schilderung des Lehrers gewinnt der Schüler eine Vorstellung vom Thema, d. h. vom Motiv. Während der gesamten 9. Klasse gibt es zwischen Schwarz und Weiß alles, nur keine Farbe. Die Maltechniken und –themen entsprechen der seelischen Entwicklungslage der Jugendlichen. Ohne näher darauf einzugehen, soll dies hier nur angedeutet werden.
In der 10. Klasse geht es in der Farbigkeit um eine Erweiterung des Aquarellmalens. Mit der Schichttechnik werden Farbschichten auf ein gespanntes Blatt aufgetragen. Je zuverlässiger der Jugendliche in der Klassenlehrerzeit das Aquarellmalen aus der Farbe heraus geübt hat, je besser gelingt ihm die neue Maltechnik.
Farbräume entstehen, ein Bildraum wird entwickelt.Es wird nur noch auf trockene Blattflächen gemalt. Das spontane Aquarellmalen dient mehr der Übung und einer Entwurfsskizze für das folgende Bild.
Format, Papierart, Farben: Gouache, bilden eine neue Anregung und Herausforderung um stimmungsvolle Themen zu malen: Sonnenauf- und Sonnenuntergänge, Mondauf- und Monduntergänge, Jahreszeiten, Regen, Sturm, Schnee – immer in Verbindung mit dem Pflanzenreich! Doch stets wieder anders, die Natur ist tausendfältig voller Motive
Was im Hell-Dunkel-Zeichnen erübt wurde, wird mit dem schnellen Strich nun skizziert. Farbige Kreidezeichnungen entstehen und sind sehr beliebt. Neben dem subtilen Grau der 9. Klasse und der Perspektive: dem Räumlichen geht es in der 11. Klasse um die Farbperspektive, um das Individualisieren der Farben und ihrer Mischungen. Es werden Farbräume von „hinten her“ auf dem Blatt aufgebaut, so dass Landschaften in großer Tiefe und Weite entstehen.
Das Thema der 11. Klasse: Landschaften in Verbindung mit Architektur ist auf unserer Erde vielgestaltig. Um zum Motiv, zur eigenen Vorstellung zu führen, gehe ich einen ähnlichen Weg, wie in den Jahren zuvor: die Beobachtungsfähigkeit wird weiter geübt: am Motiv, im Atelier und im Freien. Auch Menschen können bereits auf diesen Blättern sichtbar werden! Allerdings ist der Mensch, seine individuelle Gestalt und sein Gesicht das Thema der 12. Klasse: die seelische Tiefe des menschlichen Antlitzes und die Bewegung der Gestalt und auch ihre Geste in der Gruppe mit anderen Menschen gemeinsam.
Auch hier beginne ich die Arbeit mit der feinen Schraffur (Kohle, Graphit) um aus Schattenflächen z. B. die Augen, die Nase, die Lippen und den Hals und mehr noch; die Proportion zu entwickeln, damit es ein Porträt wird. Dann erst eine seitliche Ansicht, also eine Drehung des Halses. Danach findet das schichtende, farbige Lasieren des Angesichtes statt.
Die gleiche Arbeitsfolge bei der Entwicklung der menschlichen Gestalt.
Die Jugendlichen ergreifen aus der Ganzheit des Motivs das Differenzierte, das Subtile, das Besondere zu Verwandelnde. Viel innere Beweglichkeit ist eine Übung, die dabei notwendigerweise ausgeführt werden muss. Die Jugendlichen müssen auch immer wieder erleben, dass ihr Lehrer im künstlerischen Schaffen steht, um mit wenigen Flächen ein Blatt zu einem Bild werden zu lassen.
Viel Übung ist notwendig, um den Mut aufzubringen, mit der Klasse im Rücken an der Staffelei einen Entwurf zu skizzieren, egal ob zeichnend oder malend. Es war für mich stets ein Wagnis, doch gerade das schafft Begeisterung und Arbeitsfreude, wie auch Verantwortung.












