Rückblick: Ein interdisziplinäres Projekt: „Die Regentrude“

Die Regentrude

Ein multimediales Projekt  an der Waldorfschule Mülheim/Ruhr

RegentrudeEin Komponist und Waldorfvater begegnet einer außergewöhnlichen Musikerin und Pädagogin und erarbeitet mit ihrem Flötenorchester eine multimediale Version von Theodors Storms Märchen „Die Regentrude“

Von Thorsten Töpp

VORHER

Wie sie das eigentlich mache, dass selbst Grundschüler so gut intonierten, habe ich Ulrike Pfeiffer-Stachelhaus einmal gefragt. In dieser Hinsicht ist die Blockflöte selbst für Fortgeschrittene ein heikles Instrument. “Blicke. Vieles funktioniert durch Anschauen.”, war die Antwort. Präsenz, Da-Sein, was das bedeutet, erfuhr ich im Laufe einer mehr als ein Jahr währenden Zusammenarbeit mit Ulrike und ihrem Blockflötenorchester.

Ulrike, vierfache Waldorfmutter und seit vielen Jahren Instrumentallehrerin an der Waldorfschule Mülheim, hat das Orchester vor einigen Jahren mit ihren besten Schülern entwickelt. Zurzeit musizieren 16 Mädchen und Jungen zwischen 13 und 22 Jahren miteinander. Trotz Abitur, FSJ, Studium: wann immer möglich, werden die wöchentlichen Freitagsproben weiter wahrgenommen. Ulrikes Qualitäten zeigen sich in der Tatsache, dass einige Mädchen schon seit der Kindergartenzeit mit ihr arbeiten. Junge Frauen, die sich jetzt aufs Abitur vorbereiten.

Jedenfalls schlug ich Ulrike vor, Musik für ihr Orchester zu schreiben und das mit einer Märchenrezitation zu verbinden.TITEL | title Ich dachte an Theodors Storms “Regentrude”, eine bildkräftige, sprachlich vollendete Erzählung, die neben der äußeren Handlung weite und tiefe Bedeutungsdimensionen hat. So ein Stück richtet sich als story zunächst eher an Grundschüler als an Jugendliche und junge Erwachsene, hat aber doch auf einer tieferen Ebene mehr mit diesen zu tun. Denn es ist die jugendliche Maren, die den Mut, die Klarheit und Entschlossenheit hat, durch ihren Gang in die Unterwelt das Gleichgewicht der Naturkräfte wieder herzustellen. Tugenden, die die jungen Orchestermusiker im Laufe unseres gemeinsamen Jahres mehr als eindrucksvoll bewiesen.

Für mich stellte die Komposition eine besondere Herausforderung dar. Es galt, eine Balance zwischen musikalisch Anspruchsvollem und spieltechnisch nicht übermäßig Schwierigem zu finden. Bisher hatte ich eigentlich nur mit Profis gearbeitet, nun bewegte ich mich auf neuem Terrain. Gedanken mussten geklärt, rhetorische Umwege vermieden werden.

Eine kleine Melodie, ein einfacher Rhythmus zu Beginn sollten das Reservoir für das gesamte Stück bilden, immer wieder in Abwandlungen, Färbungen, neuen Gewändern. Das dauerte, und die ohnehin knapp geplanten Premierentermine mussten mehrmals verschoben werden.

Heute bin ich froh, dass die Arbeit mehr Zeit und Intensität gefordert hat. Es hätte mich beschämt, wenn ich die jungen Leute nicht wirklich ernst genommen und ihren Intellekt, ihren Kampfgeist, ihre Willenskraft nicht herausgefordert hätte. Es war ein langer Prozess, an dessen Ende wir uns auf Augenhöhe begegneten.

KENNENLERNEN

Score, Foto Natascha TöppAls erstes wird die Ouvertüre fertig. Thema über fließender Bewegung, erst solo, dann im vierstimmig im ganzen Orchester. Motive antworten aufeinander, Entwicklung. Eine Ableitung in C-Dur charakterisiert das Mädchen Maren, die Hauptfigur. Dann ein irritierender Moment: das schlichte a-moll des Beginns wird zum entlegenen es-moll. Ein neuer, fordernder Rhythmus erscheint, Lichtwechsel. Es wird später die Farbe der Unterwelt, der Regentrude.

Aber viel mehr entsteht nicht vor dem Sommer 2014. Stattdessen lade ich das Orchester zum Platzhirsch-Festival nach Duisburg ein. Das neue Szenefestival, bei dem ich mitorganisiere, fällt durch extremen, spartenübergreifenden stilistischen Reichtum auf. Dennoch sind meine Kollegen skeptisch, ein Blockflötenorchester?

Doch als Marie wunderschön singt und mit Isabel und Lilly virtuose Barocktrios vorträgt, als Pachelbels Kanon musikalisch durchdacht erklingt, die Flöten sogar Lloyd-Webber-Tunes knackig präsentieren, die Zuschauer begeistert sind, ist die Skepsis verflogen. “Nächstes Jahr hier die Regentrude!”, behaupte ich kühn.

Doch der Weg ist noch lang. Inzwischen habe ich Maren musikalisch auf eine Reise ins Ungewisse geschickt und den wilden, haarsträubenden Feuermann-Tanz geschrieben. Beide Stücke nutzen unkonventionelle Harmonien und sind ungewohnt zu lesen. Beim Feuermann bittet Ulrike um kleine Änderungen. Es werden die einzigen bleiben.

Die Musiker müssen sich auf eine neue Art mit ihrem Instrument auseinandersetzen. Wann muss man schon mal ein „Ces“ spielen? Wieso schreibt der in einem Takt „Es“ und im nächsten „Dis“? Ist doch der gleiche Ton! Meine Tochter Tilda, inzwischen Orchestermitglied, schimpft über die Enharmonik, das ständige Umdenken-Müssen. Unterwelt I und II entstehen, mit bi- und atonalen Harmonien, es wird noch vertrackter, ich nehme keine Rücksicht auf Lese- und Intonationsprobleme, will die ungeheuren, an Max Ernst erinnernden Sprachbilder Storms einfangen. Ulrike erläutert geduldig, dass der Komponist die jungen Künstler nicht ärgern will, dass es funktionsharmonische und strukturelle Gründe gibt.

Oktober 2014, ich gehe zu einer Probe. Ich hatte vorher überlegt, was ich sagen könnte, hatte mich auf Fragen vorbereitet, Strukturen, den Tonartenplan intellektuell erläutern wollen und muss feststellen, dass ich die jungen Leute völlig falsch eingeschätzt habe. Statt neugierigem “Hey, du bist also der Komponist!” verunsichertes Schweigen. “Was will der denn hier?”, schwebt über allem. Mir war nicht klar, dass ich in einen geschützten Raum einbreche. Ulrike rettet mit Tatkraft: “Jetzt erst mal die Ouvertüre!”. Endlich hat jeder etwas zu tun, die Atmosphäre wird lockerer. Ich höre zum ersten Mal die Musik, die mich jetzt seit einem halben Jahr begleitet.

Ulrike behält ihren expressiven Stil auch in den Proben bei. Sie wirft die Arme hoch und ermahnt die Musiker zu mehr Ausdruck: „Das `h` oben halten, rausspielen!“ Am liebsten würde sie das Saaldach wegfegen und die Musik ins Freie schicken. Auch an der Körperhaltung wird gearbeitet: „Entknotet euch!“, sagt sie besonders den Mädchen, die gern mit verschränkten Beinen dastehen. Wird rhythmisch unpräzise gespielt, lässt sie Passagen skandieren. „Düh-te, düh-te…“, so etwas ruft bei 15jährigen schon mal Lachkrämpfe hervor. Aber man beherrscht sich, macht eisern mit. Und als in der Unterwelt das Wasser zu fließen beginnt, erzählt Ulrike von einem Urlaub in Irland, wo sie unter einem Wasserfall badete. „Stellt es euch vor, so muss das klingen.“ Ich beginne zu begreifen, warum die jungen Leute ihre Orchesterleiterin bedingungslos lieben.

TITEL | titleDie Oberhausener Schauspielerin Angela Noack, dreifache Mutter an der Schule, und die Kunstlehrerin Ebru Ruhsen Yapca stoßen zu uns. Angela wird den Part der Erzählerin übernehmen. Ich kenne sie und bin sehr froh, sie im Team zu haben. Ebru schlägt vor, mit Oberstufenschülern Illustrationen zu gestalten. Diese sollen dann über dem Orchester projiziert werden und den Handlungsverlauf zurückhalten charakterisieren.

Ulrike und ich sind begeistert von dieser Idee. Schließlich hatten wir zuvor lange gegrübelt, da Ulrike der Ansicht war, man müsse den jüngeren Zuschauern etwas Optisches bieten, nur rezitieren und Musik machen reiche da nicht. Aber Ebru geht noch weiter: Wie wäre es, wenn die jungen Künstler während des Stück live malten? Über eine Kamera auf die Leinwand geworfen?

Angela verspricht, sich nach technischen Möglichkeiten im Theater umzuhören. Wir legen den Premierentermin fest. Der Tag des Johannifeuers soll es sein, wegen der frühen Ferien diesmal ein Donnerstag. Uns bleiben noch etwa 8 Monate.

Im März stehe ich zum ersten Mal mit dem Orchester auf der Bühne. Ich begleite ein wenig bei einem Konzert im Rahmen der Duisburger Akzente, einem renommierten Theaterfestival. Nach dem Konzert fragen Ulrike und ich, ob alle bereit wären, eine CD-Aufnahme der Regentrude zu machen. Einstimmig angenommen. Ich betone, dass es eine professionelle Produktion wird, die im Verlag meines Freundes Joachim Heßler erscheint, dass es aber eben bis dahin noch viel Arbeit ist. Denn Aufnahme und Herstellung müssen vor der Premiere sein! Termin: 30.5.

Jörn Nettingsmeier, unser Tontechniker, trifft sich mit uns in der Schule, um den Saal kennenzulernen. Ebru zeigt uns erste Illustrationen. Sie sind wunderbar zart, andeutend, lassen viel Raum für die eigene Vorstellung. Sie arbeitet inzwischen mit 5 Schülerinnen der 10. und 11. Klassen einmal wöchentlich. In deren Freizeit.

Erste Proben mit Felix, unserem Schlagzeugsolisten, der gleichzeitig seinen Bachelor vorbereitet, und dem Cellisten Tarek, Schüler der 11. Klasse. Nun hören die Flöten, wie die Stücke vollständig klingen.

Ebru schickt uns via Dropbox die wunderschönen Illustrationen. Der Grafiker Dirk Uhlenbrock, sechsfacher Vater an der Schule, will sie für die Layouts der CD und des Promo-Materials nehmen. Dirk macht weitere Vorschläge zur Ausstattung der CD. Wir entscheiden uns für eine teure, dafür kunststofffreie Variante.

Jetzt beginnt die Zeit der Extraproben. Für die Tenoristen Maximilian und Noah, die beide gerade ihr Achtklassspiel hinter sich haben, eine besondere Belastung. Zudem wurde ihr Klassenspiel mit einem NRW-Schulpreis ausgezeichnet, feierliche Preisverleihung – 30.5.! Ulrike ist bereit zu Kompromissen, besteht aber auf dem Notwendigen. „So etwas macht ihr nur einmal im Leben!“

Für Maximilian und Noah ist klar, dass sie die Aufnahmesession mitspielen.

Dennoch habe ich Petra Naethbohm, eine professionelle Duisburger Blockflötistin, gebeten, die Aufnahmesession im Tenor mitzuspielen. So kann auch Cora, mit ihrer Genauigkeit und tollen Musikalität eine der Säulen des Orchesters, etwas entlastet werden.

29.5., das jährliche Flötenkonzert im Saal. Im Programm die Ouvertüre. Große Aufregung, alle haben die Regentrude zu ihrer persönlichen Sache gemacht. Das Publikum lauscht hochkonzentriert.

SESSION

30.5., Jörn und ich bauen den Saal zu einem Tonstudio um. Ab Mittag kommen die Musiker und meine Schwester Natascha, die Fotos machen soll. Ich will ein Gruppenfoto und viele Momentaufnahmen.

Wir gehen chronologisch vor. Ouvertüre Anfang, erste Krise. Sopransolistin Lilly lässt sich vom Vibraphon verunsichern. Ulrike bemerkt die hochgekochte Anspannung und bittet um 5 Minuten Pause. Lilly fasst sich und spielt den Rest der Session wie ein Profi.

Nun zeigt Jörn, dass er nicht nur ein fabelhafter Techniker, sondern der geborene Pädagoge ist. Ohne große Worte lässt er seine fachliche Meisterschaft erkennen, ohne sich anzubiedern, trifft er den richtigen Ton, entspannt immer wieder und sorgt für angstfreies Musizieren. „Hab keine Angst vor den Griffwechseln“, ruft er bei schwierigen Solopassagen hinein, „du hast den Raum auf deiner Seite, der Raum trägt dich.“ Bei bitonalen Stellen: „Hört nicht auf das Gewusel von Vibraphon und Gitarre, spielt euren Stiefel.“ Es wirkt, Lilly trifft das heikle „e“ über der es-moll-Fläche unbeirrt, Ulrike strahlt: „So gut haben wir das noch nie gespielt!“

Immer gelöster wird die Atmosphäre, die Jugendlichen rennen in den kurzen Pausen umher wie Grundschüler. Das letzte Stück, ein fröhlicher Hochzeitstanz, braucht gerade mal zwei Takes, dann ist Jörn zufrieden.

Nun stellen sich alle mitten im Saal im Kreis auf, halten die Flöten schräg und blasen ins Labium. Luftgeräusche, farbiges Rauschen. Einige müssen sich das Lachen verbeißen, jetzt ist der Komponist offenbar doch verrückt geworden. Dann verteilen sich alle im Raum und erzeugen schrille Überblasklänge. Verzerrte Gesichter, aber es macht auch irgendwie Spaß. Jörn und ich werden die Klänge hinterher in die CD einmontieren. Ein bisschen Perkussion, ein Bassflötentrio, dann ist alles im Kasten, 21 Uhr, Ulrike bestellt Pizza. Noch immer kein Murren, kein erschöpftes Jammern, im Gegenteil, Helena und Elisa zeigen mit strahlenden Gesichtern Tanzschrittchen, überall fröhliche Stimmen, als die Instrumente verpackt werden.

Jörn schneidet noch bis tief in die Nacht, sodass wir am nächsten Tag bereits einen Rohschnitt haben. Dann arbeiten wir die vorbereiteten Klänge unter Angelas Rezitation ein. Das Timing muss stimmen, auch bei den Übergängen zu den Musikpassagen.

Drei Tage später ist Jörn fertig, das Master geht ans Presswerk. Am 18.6., eine Woche vor der Premiere, steht ein dickes Paket mit fertigen CDs in meinem Arbeitszimmer.

 

PREMIERE

Zwei Wochen nach der Aufnahme erste Orchesterprobe. Pia und Katja haben die langen, intensiven Proben vermisst. TITEL | titleUlrike spielt die Wave-Datei, die Jörn uns gegeben hat, vor. Basses Erstaunen: so professionell klingt das? Wie ein richtiges Hörspiel? Und die Flöten so gut zusammen? Pia meint, das klinge wie eine einzige Person. Intuitiv spürt sie, wie die Herzen der Orchestermitglieder zusammengewachsen sind.

Endproben. Die jungen Malerinnen kommen mit Ebru. Sie üben, ihre Bilder genau zur Musik zu malen. Wir entscheiden uns für eine Rückprojektion, damit die Musiker keine Schatten auf die Leinwand werfen. Angela besorgt eine entsprechende Leinwand. Tarek und Aad übernehmen die Einrichtung von Beamer und Kamera, fahren in Spezialläden, um passende Adapter zu besorgen. Sie machen einen großartigen Job, ich kann die Verantwortung für diesen Bereich komplett abgeben.

Wir verabreden Stellen, an denen die Musik die Rezitation unterbricht, die Musiker machen sich Einträge. Auch für unsere Geräusche, die wieder Heiterkeit erregen, finden wir Stellen. Und es sind Soli, die den Text begleiten, zu vergeben. Ulrike fragt, wer was übernehmen möchte, alle sind zunächst verlegen, wollen sich nicht exponieren. Teenager sind Gruppenwesen. Helena atmet schließlich durch: „Ok., ich mach´s.“ Arnold Schönberg fällt mir ein: „Mut ist, das zu tun, wovor ich eigentlich Angst habe.“ Helena, Annika, Katja, Lilly zeigen Mut.

Der Erweckungsspruch soll mitgesprochen werden, erst zögerlich, dann immer kräftiger, entschiedener. Nun lassen sich auch die Zurückhaltenderen mitreißen. Emily, Fiona, Julia und Tilda sind dabei.

Inzwischen sind wir alle zu einer festen Einheit zusammengewachsen, verstehen uns ohne große Worte. Zu einer Probe verspätet sich Ulrike um ein paar Minuten, kommentarlos wird aufgebaut, eingespielt, gestimmt. Als Ulrike schließlich Entschuldigungen rufend in den Saal hetzen will, stehen alle spielfertig da, Instrument an den Lippen. Ulrike lacht sprachlos, sie weiß, sie muss jetzt nur noch den Finger zum Einsatz heben.

Nach der Premiere soll es für jeden ein Geschenk geben. Aber was kann man geben, wenn man selbst so reich beschenkt wurde, mit Kraft, Hingabe, absoluter Zuverlässigkeit, viel Spaß und fröhlichem Gelächter?

Im Laufe der Arbeit war uns immer klarer geworden, wie wichtig es für die jungen Leute ist, wahrgenommen, angeschaut zu werden. Oft reicht ein kleiner Blick. Ulrike hat ohnehin immer ein offenes Ohr, bietet vertrauliche Gespräche an und weiß um jedes Orchestermitglied, kennt familiäre Hintergründe und Probleme. Weit über alles Musikalische hinaus hat ihre Arbeit eine unschätzbare soziale Dimension.

Also schauen wir eines Abends die Jugendlichen gemeinsam vor unserem inneren Auge an, wollen für jede und jeden ein paar persönliche Zeilen finden, die ausdrücken, was sie oder ihn ausmachen, besonders machen. Auch die Karten werden individuell, Ausdrucke der Illustrationen auf Fotopapier. Und wir gestalten mit Hilfe meiner Schwester ein Fotobuch. Denn auch sie hat ganz genau hingesehen und die jungen Leute fast unheimlich exakt porträtiert, typische Blicke und Gesten eingefangen.

Regentrude125.6. Es ist soweit. Um 20 Uhr soll „Die Regentrude“ zum ersten Mal über die Bühne gehen, anschließend Johannifeuer. Alle sind aufgeregt, aber es ist eine freudige Aufregung, jetzt zeigen wir endlich, woran wir so lange und so intensiv gearbeitet haben! Alle sind in Konzertkleidung, sehen großartig aus, ein wahrhaft festlicher Anblick. Der Saal ist rappelvoll. Ulrike hebt die Hand und es geht los. Angela erzählt die Geschichte pointiert, mit viel Witz, hat das Publikum schnell im Griff. Beim rasant-virtuosen Feuermann spürt man, wie die Leute den Atem anhalten. Dann die kleinen Soli. Helena erhebt sich, ist sichtlich nervös, spielt aber ihre Melodie wunderschön aus. Kurzer Blickkontakt, Lächeln, Daumen hoch. Die Anspannung fällt ab. Unter mir sehe ich die Malerinnen, die in 4 Minuten eine karge Weidenallee auf die Leinwand zaubern. Wir steigen gemeinsam in die Unterwelt hinab, ferne schrille Schreie, atonale Fortschreitungen, gestrichene Becken. Maren geht unbeirrt durch diese bedrohliche Welt, ebenso mutig wie Katja, die gleich ein schwieriges Solo hat. Schließlich der fröhliche Schlusstanz, gelöst und frisch, in dem Wissen, etwas Außerordentliches geleistet zu haben. Riesenapplaus, alle strahlen. Wir rufen die Malerinnen mit auf die Bühne, fast 30 Menschen stehen dort, halten sich an den Händen, verbeugen sich.

Im Eurythmieraum, den wir als Garderobe nutzen, bittet Ulrike alle, einen Kreis zu bilden. „Das war das Schönste, was ich je gemacht habe!“, sagt sie sichtlich bewegt.  Die Präsente werden verteilt, neugierig lesen alle ihre Karten. Elisa, überrascht: „Ihr habt euch ja voll viel gemerkt!“ Das Fotobuch löst Heiterkeit aus, man hält sich gegenseitig besonders witzige Momente unter die Nase.

Am kommenden Tag ist letzter Schultag. Ulrike lädt in ihren Garten ein,  Premierenfeier. Es wird ein wunderschöner Abend. Zunächst feiern wir die Zahlen: 450 Zuschauer, 100 verkaufte CDs! Dann wird der Grill angeworfen, Saft und Wasser machen die Runde, die Jugendlichen verströmen freie, grenzenlose Energie. Tarek, als angehender Zwölftklässler schon abgeklärter, unterhält sich mit mir über Jazzgitarristen. Aad, der nebenher noch ein fantastisches Abitur gemacht hat, erzählt von seinen Studienplänen. Noch lange hallen die eiligen Stimmen und das freudige Gelächter der Jugendlichen durch den Nachthimmel, bis der erste Regen uns hineintreibt.

 

FESTIVAL

Wiederaufnahme. Mit 6 Wochen Ferien im Rücken treffen wir uns zwei Tage vorm Festivaltermin im Saal. Ich habe alle TITEL | titleeine halbe Stunde früher gebeten, um Organisatorisches zu besprechen. Wir sind schnell fertig, nun bleibt noch Zeit, bis Ulrike kommt. „Ouvertüre ohne Dirigat?“, frage ich in die Runde. Marie zuckt lässig die Achseln und los geht’s. Niemand hat auch nur das kleinste bisschen vergessen.

Erstes Wochenende nach den Sommerferien: Nun stehen wir tatsächlich da, in St. Joseph am Duisburger Dellplatz. Platzhirsch 2015, mit der Regentrude als meinem persönlichen Highlight. Ich habe ein mehrteiliges Programm in der Kirche, stehe mehrfach selbst auf der Bühne, habe mir zu viel vorgenommen. Jörn hält mir den Tag über den Rücken frei. Tarek und Aad kommen schon vormittags, kennen ihren Job. Noah und Maximilian wollen helfen, zu tun gibt es genug. Ebru baut die Originale der Illustrationen auf Staffeleien um das Publikum auf. Schließlich ist alles bereit, Beamer und Kamera laufen, Malutensilien werden in der Sakristei vorbereitet. 17 Uhr Showtime, die elektrische Spannung vor der Premiere ist einer normalen Aufregung gewichen. Doch auf der Bühne ist mit einem Mal wieder die enorme Intensität da. Nochmals gesteigert, freier. Beim Feuermann blasen die Flöten mich fast von der Bühne. Angela liest nicht nur, sie kriecht in die Figuren hinein. Annika spielt ihr Solo auf den Punkt. Tarek und ich lächeln uns an.

Im Publikum viele bekannte Gesichter, Szenekollegen, Joachim, unser Verleger. Ganz hinten an der Wand entdecke ich Dorian Wood aus L.A., der mit einem tief berührenden Konzert diesen Tag beschließen wird. Ganz still lauscht er der Musik und einem Text, den er nicht versteht. Später fragt er mich, was wir da erzählt haben. Ich erkläre es ihm und schenke ihm eine CD.

Danach viel Applaus, Lob von allen Seiten: die tollen Malerinnen, die vielen schönen Ideen, und sind das wirklich Schüler, die so komplizierte Sachen wie coole Profis spielen?

Jörn staunt, hat er doch im Juni noch nächtelang am Schneidetisch kleine Fehler ausgebessert, sich um Balance bemüht. „Und hier hauen die mir lauter first takes um die Ohren!“, meint er lachend.

Ich bin schon wieder beim Umbau, muss danach direkt nochmals auf die Bühne, finde kaum Zeit, mich richtig zu verabschieden. Einige bleiben noch ein wenig, aber der Festivaltag ist komplett verregnet, die große Außenbühne wird bereits abgebaut. Die Gruppe läuft auseinander.

NACHHER

Vielleicht war es ja nicht das letzte Mal, dass wir gemeinsam auf der Bühne standen. Pläne für weitere Aufführungen wurden bereits vor der Premiere geschmiedet, aber die Erfahrung kennt die Diskrepanz zwischen Plan und Realität. Außerdem verändert sich das Orchester. Ulrike hat Nachwuchs eingeladen, die Älteren müssen neue Verantwortung übernehmen. Einige stehen vorm Abitur, Aad und Lilly beginnen mit dem Studium, Marie und Isabel sind mitten drin.

Aber ich werde die Zeit mit Ulrike und den Jugendlichen als die vielleicht wichtigste, in jedem Fall aber emotional berührendste Bereicherung meines künstlerischen Daseins im Herzen behalten. Sie haben mich verändert, die Jungen und Mädchen, ich fühle mich offener und sehe der Welt etwas freundlicher entgegen. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar, jedem und jeder einzelnen.

Nochmal Schönberg, im Vorwort zu seiner Harmonielehre: “Dieses Buch habe ich von meinen Schülern gelernt.”

Wer z.B. als Schule an einer Aufführung der „Regentrude“ interessiert ist, kann jederzeit unter thtoepp@arcor.de mit dem Komponisten Kontakt aufnehmen.

Informationen zum Platzhirsch-Festival findet man unter www.platzhirsch-duisburg.de. Unter der Rubrik „Artist“ gibt es genauere Infos zu Ulrike Pfeiffer-Stachelhaus, Felix Stachelhaus, Angela Noack, dem Blockflötenorchester und Thorsten Töpp.

Die CD „Die Regentrude. Eine musikalische Erzählung nach der Geschichte von Theodor Storm“ kann man für 12.- zzgl. Versand beim Alla-Breve-Verlag bestellen. Auf der Seite gibt es auch einen Soundtrailer. http://www.alla-breve-verlag.de/cds.html

Foto Natascha Töpp